spohr Krisenmanager, Macher, Weltökonom – Helmut Schmidt hat viele „Titel“ … – warum „Der Weltkanzler“ als Titel Ihres Buches?

Helmut Schmidt dachte immer global. Er betrieb, wie er selbst sagte, Weltpolitik – mit einem tiefen Verständnis für die Verflechtung der Staaten in der Weltwirtschaft und für die Geopolitik des globalen Kalten Kriegs samt Chinas Aufstieg. Dabei hatte er die höchst exponierte Lage des geteilten Deutschland stets im Auge. Mit seinem Verständnis der Dynamik des Zeitgeschehens, der Globalisierung in den krisengeschüttelten 1970er Jahren, war er seiner Zeit voraus.

Schmidt wurde 1974 Kanzler – inmitten der Weltwirtschaftskrise (Stichworte Ölkrise und „Stagflation“). Was war seine politische Antwort darauf?

Für Schmidt war die Stabilisierung der Weltwirtschaft für den Fortbestand der westlichen Demokratie im Kalten Krieg unentbehrlich und er ging dies mit seiner Erfahrung als Finanzminister sowie mit einer klaren konzeptionellen Perspektive an. Er war Miterfinder der G7 Gipfeltreffen, die policy coordination fördern und zu einer neuen Art von global governance führen sollte. Bei der Vermittlung von Kompromissen nutzte Schmidt die Bedeutung der Bundesrepublik als wirtschaftliche Weltmacht, wobei er sich auf die Stärke des deutschen Stabilitätsmodells (Senkung der Inflationsrate vor Wachstumsförderung) berief.

In den späten 70er-Jahren wich die Entspannung zwischen den Supermächten einem neuen Rüstungswettlauf. Deutschland saß geografisch buchstäblich zwischen den Stühlen. Welche Sicherheitspolitik vertrat Schmidt?

schmidt1Schmidt war ein Verfechter der militärischen Balance. Er verfolgte eine „Strategie des Gleichgewichts“, nach der er auch sein Buch von 1969 benannt hatte. Und da waren Deutschlands NATO-Mitgliedschaft und die Partnerschaft mit Washington für ihn ein Axiom. Zur Sicherung des Friedens sah er aber auch die Notwendigkeit einer Politik des Dialogs und der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion.

Schmidt, der „Gleichgewichtsstratege“, wurde Autor des NATO Doppelbeschlusses von 1979: Demzufolge konnte das militärische Gleichgewicht in Europa entweder durch eine nukleare Aufrüstung des Westens wiederhergestellt werden oder durch Verhandlungen zur beiderseitigen Begrenzung der Mittelstreckenwaffen, mit der Null-Lösung als seinem Ideal. Zu letzterer kam es tatsächlich 1987, aber erst nachdem die NATO 1983 nachgerüstet und nachdem Schmidt im zweiten Kalten Krieg als „Doppeldolmetscher“ zwischen USA und UdSSR vermittelt hatte.

Bedeutend für den diplomatischen Rang der Bundesrepublik war, dass beim Guadeloupe-Gipfel Anfang 1979, auf dessen Gesprächen der NATO-Beschluss größtenteils basierte, Schmidt mit den Anführern der westlichen Sieger- und Atommächte an einem Tisch saß und zum ersten Mal über Nuklearpolitik auf Augenhöhe verhandelte.

Ist Schmidt am Ende innenpolitisch gescheitert?

Seine Leidenschaft war eindeutig die Außenpolitik (im weitesten Sinne). Aber Schmidt, der Staatsmann von Weltgeltung, der die Bundesrepublik zurück auf die Weltbühne brachte, konnte sich nie vollständig über die Probleme des Parteipolitikers Schmidt erheben, der mit Themen wie der nationalen Sozial- und Wirtschaftspolitik, der inneren Sicherheit und dem Terrorismus sowie der ökologischen und Friedensbewegung zu kämpfen hatte.
Trotz zweier gewonnener Wahlen, zerfiel die Autorität des Kanzlers mit der Zeit vor allem durch die schweren ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der SPD, die schlussendlich die Koalition und Schmidt verschlissen.

Seit der Ukraine- und Krim-Krise 2014 ist das Verhältnis zwischen dem Westen und Moskau merklich abgekühlt. Droht ein neuer Kalter Krieg? Welche Rolle spielen „Verteidigungsbereitschaft“ und „Dialogfähigkeit“, zwei Schlagworte Schmidt’scher Politik, heute?

Beide Begriffe spielen gerade heute wieder eine große Rolle. Am 7. Juli 2016 verteidigte Angela Merkel das NATO-„Prinzip der Abschreckung”, während sie Russland für einen Vertrauensverlust durch den Ukraine-Konflikt verantwortlich machte; und so sprach sie sich auch für eine stärkere Bündnispräsenz im Baltikum und Polen aus – als Rückversicherung gegen Russland. Dennoch, Verteidigungswille und -fähigkeit sollten mit einer Dialogpolitik einhergehen, befand Merkel, wie auch schon ein paar Wochen zuvor ihr Außenminister Frank Walter Steinmeier – der sich dabei allerdings auf das Erbe Brands berufen hatte, auch wenn Brandts ostpolitischer Ansatz tatsächlich stärker auf die Verbesserung menschlicher Kontakte zwischen Deutschen in Ost und West fixiert gewesen war als auf die gleichgewichtspolitischen Akzente, die der Ostpolitiker Schmidt bei seiner sogenannten Politik der Zusammenarbeit mit Moskau stets im Blick hatte.
Wie schon der Weltkanzler Schmidt in den späten 1970er-Jahren, so insistierte auch Merkel beim Warschauer NATO-Gipfel, dass die Kommunikations-Kanäle nach Moskau offen bleiben müssten, um Kompromisse zu finden und den Frieden zu sichern. „Dauerhafte Sicherheit in Europa“ gehe „nur mit, nicht ohne Russland”.

Was hätte Helmut Schmidt zum Brexit-Referendum 2016 gesagt?

schmidt4Schmidt war von Anfang an ein überzeugter Europäer. Er wollte den wirtschaftlichen wie auch den politischen Einigungsprozess. Denn Schmidt sah ein Europa in der Welt: als Partner in der Weltpolitik und in der Weltwirtschaft. Aber für ihn war Europa auch ein Faktor des Gleichgewichts, eine Kraft, den Frieden zu erhalten und zu stärken. Und so, erklärte er noch im Juli 2015, müsse man sich „den akuten Problemen unseres Kontinents als Europäer solidarisch stellen” und gemeinsam agieren.
Bei aller Anglophilie wusste er um die Schwierigkeiten mit den Briten, die schon seit Churchill 1946 gern nach „Europa” blickten, aber nicht selbst mitmachen wollten. Vor dem ersten UK Referendum zum EG Verbleib sagte Schmidt 1974 seinen „Labour-Party comrades“: „Ich komme mir vor wie jemand, der die Heilsarmee von den Vorzügen des Trinkens überzeugen will.“
Das lässt ahnen, wie frustriert Schmidt jetzt auf den Brexit, auf die politischen Eliten in London und die Situation in Europa insgesamt blicken würde.

Sie sind Helmut Schmidt zweimal persönlich begegnet. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen aus diesen beiden Gesprächen?

Im Oktober 2013 traf ich den Elder Statesman Schmidt in seinem Zeit-Büro. Es war wie ein Gipfelgespräch: mit Elementen des sich Herantastens an schwierige Themen und des gegenseitigen Taxierens – eine eher schwierige Verhandlung. In seinem Privatarchiv in Hamburg lernte ich dann den „Intellektuellen“ Schmidt durch seine Schriften kennen. Und im Oktober 2015, traf ich Schmidt noch einmal – jetzt bei ihm Zuhause – zu einem Gedankenaustausch. Das war eine sehr persönliche Begegnung mit dem Menschen Helmut Schmidt.

Quelle: Theiss Verlag

 

 

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Spohr, Kristina

Helmut Schmidt

Der Weltkanzler

Helmut Schmidt und seine Außenpolitik betrachtet das Buch von Kristina Spohr in neuem Licht. Fundiert betrachtet sie seine Rolle bei der Neugestaltung der Weltordnung in den krisengeschüttelten 70er-Jahren. Es entsteht das Porträt eines »Weltkanzlers«, der in globalen Wirtschafts- und Sicherheitsfragen gleichermaßen versiert war.

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